Unspezifität und Risiko komplexer Kompensation

In seinem Blog Critical Otter Studies unterscheidet @reisagainst zwei Arten von Kompensation:

  1. Ein Leistungsverlust wird von einem System durch erhöhte Aktivität ausgeglichen (zB. eines Organs) - nennen wir das primitive Kompensation

  2. Eine Funktion, die bisher auf primitivere Weise gelöst wurde, wird nun durch Auslagerung scheinbar aufgegeben und in komplexerer Weise erfüllt.

Letzteres aber erfordert vorerst eine wirkliche Aufgabe, die nur nach erfolgreicher Auslagerung der Funktion zur scheinbaren wird. Deren Gelingen kann nicht vorhergesagt werden, da eine komplexe Kompensation von einem nicht-komplexen Standpunkt keiner Beurteilung zugängig ist. In diesem Sinne ist Kompensation immer unspezifisch und risikoreich. Die Frage ist nun: Weshalb kommt es zu einer solchen Gefährdung?

Mit dem Dilemma der Höhle fängt alles an. Trotz deren defizitären Angepaßtheit bot die Höhle Schutz und Obdach auch den Schwachen und Kranken.

Diese Kinder der Höhle, die niemals das Recht der Stärkeren und das der jagenden Ernährer für sich geltend machen konnte, erfanden den Mechanismus der Kompensation.

– Hans Blumenberg: Höhlenausgänge, Frankfurt a.M., 2. Aufl., 1989, 28

Weil die Höhle zur Nahrungssuche zu verlassen, ihnen nicht möglich ist, ersetzen sie den Bericht über Geschehenes durch die Erzählung von Erdachtem. Ist die Sprache des Jägers von den Nöten der Wirklichkeit, aber vor allem der Selbsterhaltung geprägt, kompensiert der Schwache Leistungs- und Erfahrungsdefizit mit der sprachlichen Konstruktion von Wirklichkeiten und transformiert dermaßen die Bedingungen, d.h. Bewertungskriterien, zu Narrationen als Narrativen. Konnte der Bericht zuvor nur als Bericht an seinen eigenen Gelingenskriterien bewertet werden, muß er sich nun als sinnstiftende Erzählform neben anderen beweisen.

Als primitive Kompensation kann die Erzählung – und sei sie noch so gekonnt – den Bericht nicht ersetzen. Aber die konkrete Kompensation fiktiver und konjunktiver Erzählung bedingt und wird bedingt durch die Kompensationsleistung des Narrativs. Auch der Bericht muß sich dieser zwingend unterordnen. Die nun möglichen Fragen und Forderungen lassen sich nicht mehr eliminieren sondern nur ignorieren. Eine Ignoranz, die größte Anstrenung zur Verdrängung erfordern würde. Das Narrativ erlaubt eine völlig neue Form der actio per distans (Blumenberg) und somit eine neue Art, Widerfahrnissen (Kamlah) und Widerständen (Cassirer) der Wirklichkeit zu begegnen und vor allem diese zu bewältigen.

Aus dieser Erzählung – deren Evidenz nicht von der Überprüfbarkeit ihrer Aussagen an der Menschheitsgeschichte abhängt und damit selbst zum Beispiel für ihren Inhalt wird – können die Ermöglichungsbedingungen komplexer Kompensation durch Auslagerung abstrahiert werden:

Schutz durch Beständigkeit der Gemeinschaft, innerhalb derer nicht alle zugleich sondern vorerst nur einzelne Mitglieder zur Kompensation sich genötigt fühlen. Es gilt:

Wie so oft, begünstigt die Starrheit in einem Teil des Systems seine Elastizität in den anderen Teilen.

– Blumenberg: „Existenzrisiko und Prävention“, in: Beschreibung des Menschen, Frankfurt a.M., 1. Aufl., 2016, 550-622, hier 558

Weil derart durch andere vor fatalem Scheitern (Tod) geschützt, können einzelne das Risiko unspezifischer Kompensationsversuche wagen. Erst bei Erfolg komplexer Kompensation durch Auslagerung und die dadurch eröffneten Möglichkeiten wird die Gemeinschaft insgesamt die kompensatorischen Methoden übernehmen.

post scriptum

Es lohnt die Suche nicht, in Blumenbergs Schriften zu finden, was ich hereingelesen habe. Mit närrischer Frechheit habe ich seine Ansätze gestohlen, auf fremdes Terrain entführt und bin mit ihnen umgesprungen, als wären es meine eigenen.