FUNDAMENTAL / RADIKAL

EIN UNTERSCHEIDUNGSVORSCHLAG

Der folgende artikel wurde motiviert von @ReisAgainst. Nur @ReisAgainst verbindet exzessive zeitverschwendung mit achtzig- bis neunzig-prozentiger nutzlosigkeits-wahrscheinlichkeit. Frische garantiert @ReisAgainst durch ausführlich unbedachte und langwierig unüberprüfte irritationen. Um kontamination zu vermeiden, verzichtet @ReisAgainst bewußt auf kontakt mit ›echten problemen‹ und allen anderen bereichen eines ›real life‹.


Zur erfassung einer ›radikal-fundamentalen‹ differenz universaler theoriekonzeptionen empfehle ich die unterscheidung radikal/fundamental; konkret: die unterscheidung von fundamental- und radikaltheorie.

Diese unterscheidung entwickelt sich an der grund-boden-metaphorik, in welcher der metaphorologe zwei unterschiedliche (wenn auch selten unterschiedene) tendenzen entdeckt:

Die Metaphorik des Bodens, in dem alles wurzelt, was wächst und fruchtet und nährt, und die des Grundes, auf dem alles geht und steht, gebaut und errichtet werden muß, was Dauer und Festigkeit haben soll, scheinen sich nicht leicht imaginativ zu vereinbaren: die Wurzel erfordert Durchdringbarkeit und Durchlässigkeit des Bodens, um Baum und Pflanze ins Licht aufsteigen zu lassen, von dem sie erst recht ihr Leben nehmen; des menschliche Gebäude verlangt im Gegenteil dafür seine Fundamente, die felsennahe Dichte und Unlösbarkeit dessen, worauf sie beruhen.

—Blumenberg, Sorge, 98

Dem forschungsverständnis der ›fundamentaltheorie‹ ist die grundmetapher implizit: Theorie wird begründet, und wissenschaft ist nur bei »sicherem« – das heißt auch immer: ununtergrabbarem grund (lat. fundamentum) – möglich. Problematisierung des theoriefundaments meint dann, problematisieren, was erster/letzter grund ist/zu sein hat, aber nie: das letztliche fundament selbst zum problem machen. Fundamentaltheorie ist konstruktivistisch, insofern theorie von grund auf gebaut, ja überhaupt »aufgebaut« wird – und dann auch fertigstellbar ist. Vielleicht bleiben modifikationen und renovationen möglich oder nötig, doch ist der fundamentaltheorie das ideal der finalität wesentlich.

Gleich doppelt muß für fundamentaltheorie eine andere konzeption universalistischer thie immer defizitär bleiben: Ich nenne sie ›radikaltheorie‹. Bei dieser wird die implizite metapher des grundes durch jene eines durchdringbaren bodens ersetzt. Der boden als anfang ist nie zwingend, nie indiskutabel und wird gerade durch das betreiben von theorie bearbeitet und verändert. Um in der metapher zu bleiben: Der boden wird durchwachsen und durchwurzelt (wurzel lat.: radix); das wurzelwerk besorgt seine festigung selbstständig. Der radikaltheorie ist die idee »sicherheit der theorie durch festen grund« doppelt abwegig: Die erfolgsversprechungen der fundamentaltheorie sind längst unplausibel geworden, und ihre unnötigkeit hat das ausbleiben des erfolgs demonstriert.1)

Wegen ihrer nähe zur grundmetaphorik findet man die metapher des bodens in der radikaltheorie nur selten. Bevorzugt werden andere, wie ›netz‹ oder ›organismus‹ (letzterer noch im begriff des ›systems‹ erhalten2). Der erste knoten eines netzes garantiert so wenig dessen festigkeit, wie das überleben des organismus von einer einzelnen zelle abhinge. (Stimmt das überhaupt?A) Im gegenteil: Für beide sind mobilität und dynamik (statt statik), nicht-linearität (statt linearität) und problematisierbarkeit (statt definitheit) entscheidend.


ABSCHLUSS

Am ende bleibt ein problem, auf daß ich mit meinen mitteln nur hinweisen kann – eine lösung ist mir (vorerst?) nicht möglich: »Objektives« argumentieren für oder gegen die eine oder andere theoriekonzeption würde das problem nur verdecken, nicht lösen. Alle naheliegenden antworten sind keine, sondern loyalitätsbekenntnisse.3 Der radikaltheorie kann fehlende letztbegründung unterstellt, der fundamentaltheorie starrheit vorgeworfen werden. Das stimmt auch – beides.

Es bleibt der besitz einer antwort mit problemblindheit – oder einer problembeobachtung, die keine antwort geben kann (vielleicht noch nicht, vielleicht gar nie). Eines der beiden eignet sich hervorragend, bücher und vorlesungen zu füllen. Mit dem anderen beginnt forschung. Die zuordnung ist mein heutiges gewinnrätsel; preis: keiner bis ungewiß, abholbar: nicht bei mir.


1 Der radikaltheoretiker kann den witz machen, daß undurchdringbare böden noch keiner gefunden hätte – und wenn, könne auf deren steinerner dogmatik nichts wachsen. Das überzeugt niemanden, macht aber wenigstens einer seite spaß.

2 Hier erkennt man: Niklas Luhmann würde ich für einen, ja sogar einen der interessantesten fälle eines radikaltheoretikers halten. Als beispiele für fundamentaltheorien ließen sich beispielhaft die programme von René Descartes oder Edmund Husserl anführen. Aber die einordnung konkreter programme gibt oder nimmt der unterscheidungsidee erstmal nichts.

3 Und wer zeit und kraft sparen will, gesteht die gleich ein: Mir ist der radikaltheoretische ansatz sympathischer. Aber eben nicht aus sicheren gründen: Er ist spannender und droht(,) manches anders zu machen (nicht zuletzt durch experimentierfreudige einlassung auf unsicherheiten und unwissen). Zugegeben: Mit meiner bevorzugung wandel ich auf unsichrem grund – aber das ist ja schon klar und es ist ganz unnötig, uns doof zu stellen.

A Nachtrag von @ReisAgainst: »Bzgl. Zellen: Zellen sind auch Organismen. Evolutionär haben diese sich symbiotisch zu mehrzelligen Organismen zusammengeschlossen. Das hatte Fitnessvorteile. Dazu gehört, dass der Mehrzeller strukturell nicht von der einzelnen Zelle abhängig ist, weil tote Zellen selbst Teil des Stoffwechsels sind, und ›ausgetauscht‹ werden müssen.«


LITERATUR

Hans Blumenberg: Die Sorge geht über den Fluß (Bibliothek Suhrkamp 3000), Frankfurt/M, 1987

Leon J. Stephanis: Wörterliche Wissenschaft über wissenschaftliche Wörter. Oder: Wie Wissenschaftler heute schreiben können sollen müssten, mit einem ausführlichen Wortverzeichnis, Jena, 1. Aufl., 2013.