ATHEISMUS UND ORIGINALGENIE

ZUR ENTSTEHUNG DES ATHEISMUS AUS DER THEOLOGIE

Die folgende untersuchungsskizze ist versuch und aufruf. Versuch, die übliche ordnung theoretischer arbeit (informierung–konzeptualisierung–formulierung) umzukehren, mit der formulierung eines losen konzepts zu beginnen und erst danach die informierung (und konzeptionsmodifikationen) zu besorgen. Dafür bitte ich um theoretische unterstützung: Um literatur- und quellenempfehlung, beiträge in form von ideen, gedanken, einwänden, verweisen sowohl für’s stützen und ausbauen, als auch für’s einschränken und widerlegen. Klar ist: ich bin inkompetent dem gegenstand gegenüber; weder bin ich informiert, noch könnte meine informiertheit herbeiführen, denn die informationen sind legion. Dies gilt aber für jeden – was jeder merkt, der liest: mehr lesen bedeutet, von mehr uninformiertheit erfahren. Gerade deshalb lohnt es, neues auszuprobieren – so unsicher das ergebnis ist. Der versuch über die entstehung des atheismus ist damit zugleich ein experiment über theoretisches arbeiten. Die leserin ist gewarnt: nicht nur der autor, auch sie trägt ein risko. Die gefahren von theorie sind glücklicherweise recht harmlos: zeitverschwendung und verwirrung sind die schlimmst erwartbaren fälle.


Vgl. dazu: {1}.


DER ATHEIST ALS ORIGINALGENIE

Die erzählung des originalgenies ist falsch. Das heißt: die erzählung des originalgenies ist unzureichend und somit – ohne umständliche erhaltungstechniken – unhaltbar geworden. Sie funktionierte als verdunklungsmechanismus eines problems (also der ausschaltung blinder flecken), um andere probleme beobachten und lösen zu können. Das ist nicht unbedingt schlecht – kann mit der zeit aber überflüssig, sogar störend werden. Die behauptung hier ist: daß das beim originalgenie längst der fall ist. Wir kennen zu viele ungeniöse originalitäten, zu viele geniale kopien, aber vor allem: wir kennen zu viele genies und sind in vielen fällen selbst welche. Unsere lebensläufe strotzen vor beweisen {2}, die keinen zweifel lassen,

[…] dass ich ein besonderes Genie bin, zumal ich nicht alles aufgezählt habe. Das Besondere daran ist nun, dass das alles nichts Besonderes ist. Das leuchtet ein. Denn es ist klar: Das Besondere daran ist, dass so etwas für alle anderen Menschen in Europa und den Ländern der sog. Ersten und Zweiten Welt auch gilt. Genies überall. Millionen! Viele Millionen.

—Kusanowsky, Trivialgenie

Daraus folgt auch, daß die erklärung des atheismus als geniös angestoßenes aufklärungsphänomen – einer »aufdeckung« »theologisch-religiöser betrügereien« – theoretisch nicht genügt; sie bleibt ideologie einer loyalitätsbekänntnis {3}. Die differenz theismus/atheismus ist absolut; die entstehungsbedingungen der legitimität von ablehnung müssten aber »wunderfrei« {4} dargelegt werden, will der atheismus seiner aufdeckungsideologie gerecht werden und nicht in theistische üblichkeit des ›wundertabus‹ verfallen. Tatsächlich arbeiten aber nicht wenige erklärungen nur mit umgekehrten vorzeichen: Das originalgenie ist der inspirierte geist, der gängiges denken aus sich heraus zu »durchschauen« und »hintergehen« vermag. Das wunder ohne gott ist: die (naturwissenschaftlichen) aufklärungspropheten wurden im 18. jh. geboren! – Das reicht nicht hin. Aber die beliebtheit der erzählung ist erklärbar, da das originalgenie probleme »blindsetzt« {5}: so das paradox einer kirche als mächtiges unterdrückungsorgan einhergehend mit deren entmächtigung durch die kritzeleien einiger weniger. Da müßte zugestanden werden, daß die kirche doch nicht ganz so mächtig war, wie behauptet, oder aber daß ihre unterdrückerische dogmatik eine schlechte erfindung ist. Ersteres wäre falsch, letzteres machte die rede von einem »umsturz« fraglich. Überhaupt: weshalb kam die atheistische aufklärung, als sie kam? Man erklärt’s nicht, sondern disqualifiziert die frage: das originalgenie ist einzigartig, sein auftreten unerklärbar – es ist (ketzerei am atheismus!) ein wunder.


THEORETISCHE WUNDER

Ich mißbillige nicht die konzeption des wunders ohne gott ((unwahrscheinlicher) zufall [vgl. 5]), sondern befürworte, wunder als solche zu identifizieren und akzeptieren {6}. Doch erklären sie nicht – wunder markieren (ähnlich paradoxien) probleme von erklärungs- und verstehensleistungen. Damit ist das wunder ein grenzbegriff: sie bewohnen die horizonte jeder theorie und dienen der reflexion auf bedingungen und kontingenz derselben. Eine auf autologie und forschungsoffenheit (beibehaltung der scheiterungsmöglichkeit) sich verpflichtende theorie wird ihre wunder als solche ausweisen, statt sie transzendent oder transzendental als unbefragbar zu verdecken. Dies ist der unterschied zwischen fundamental und radikalwissenschaft.[Vgl. 6 und 3]

Folgend wird das wunder nicht im menschen, sondern der gesellschaft verortet. Auch eine an gesellschaft orientierte theorie kann irritation und innovation nicht universal formalisieren; das meint: ihr ist’s weder möglich, eine vorhersage der zeit und art von irritation/innovation noch die aufstellung eines gesetzmäßigen abhängigkeitsverhältnisses (»Wenn irritation x, dann innovation y«) zu leisten. Eine vollständige erklärung würde jedoch auch die blindsetzung des problems bedeuten: denn eine erwartbare irritation ist keine irritation und eine vorhersagbare innovation keine innovation. Irritationen sind zwar planbar: Ich stelle mir einen wecker, der am nächsten morgen meinen schlaf irritiert {7}. Aber nur weil die unerwartbarkeit der irritation mitgeplant wird. Eine theorie die innovation vollständig determinieren könnte, wäre eine antwort ohne ein problem: sie würde innovation damit erklären, daß es keine innovation gäbe. Damit kann viel geleistet werden – nur wäre diese antwort mit innovationen konfrontiert wieder ratlos.

Die vorliegende theorie ist kontingent – aber nicht beliebig. Erklärungsgrenze ist nicht gleich erklärungsgrenze und erst recht ist das eingeständnis von theoriegrenzen und -lücken etwas anderes als die problemblindschaltungstechnik der idealisierung. Unterscheidungen können gewechselt werden, wenn sie nicht mehr weiter helfen. Und die unterscheidung normal/geniös verwirrt längst mehr, als sie durch verherrlichung die problemunlösbarkeit beruhigen kann. (Ganz ähnlich erging es eben der christlichen theologie). Da gibt es das wunder der innovation, das wunder des originalgenies und das wunder der innovation im originalgenie. Solche glaubensbedürftigen erklärungsmodelle aufrechtzuhalten, braucht es dann eine gewaltige dogmatik, die aufzubauen und zu betreiben äußerst aufwendig ist. Den aufwand zur erhaltung des originalgenies sehen wir überall: die bemühungen von literatur-/musik-/kunst-/wissenschaftsbetrieb, -markt und -forschung, den nationalstaaten und schulwesen, den feuilletons und privaten organisationen zur selektion und stabilisierung von literatur-/musik-/kunst-/wissenschaftskanons; auch: das rechtskonzept des geistigen eigentums, die zentralisierung des autornamens in buchgestaltung und bibliotheksorganisation, u.v.m. Das zwingende anwachsen des apparats, um irritationsbewältigung zu gewährleisten, macht diesen irritationsanfälliger; und mit zunehmenden irritationen wird die wahrscheinlichkeit der ›störungslosen‹ verarbeitung von irritationen unwahrscheinlicher. Gerade dies macht innovation (als der aufgabe bewährter und ergreifung unerprobter bewältigungstechniken) wahrscheinlicher.

Hier liegt der vorteil einer theorie, die auf gesellschaft abstellt: 1. Sie erklärt das zustandekommen des unwahrscheinlichen ohne problemblindschaltung; also ohne das problem zu disqualifizieren (»es gibt keine innovation«) oder es in ein tabu zu verlegen (innovation durch das genie, an dem zweifel und an das fragen nicht erlaubt sind). 2. Erklärt sie das problem der problembewältigung, also das zunehmende versagen alter erklärungskonzepte. Und 3. erklärt sie gerade dadurch auch ihr eigenes (unwahrscheinliches) zustandekommen. Freilich ohne die probleme (bzw. wunder) vom zustandekommen des unwahrscheinlichen und bestehen des kontingenten vollständig beseitigen (und besonders beseitigen versichern) zu können. Die vorliegende theorie ist also kontingent – aber nicht beliebig.


EINSCHUB: MACHTBEGRIFF

Eine weitere vorraussetzung ist die handhabung des machtbegriffs als komplexen begriff. Macht ist dynamisch, indirekt und nicht-linear. Selbst das simpelste machtverhältnis, die terrorherrschaft eines tyrannen über andere, kann nicht einseitig gedacht werden. Auch der tyrann steht in abhängigkeiten, denn terror ist nur mittelbar umsetzbar: Die abstrakte dauerbedrohung des terrors darf nicht zu abstrakt werden (sie verlöre ihre wirkung), weshalb die bedrohungsmaschine dauernd am laufen, also die terrorisierten dauernd an den terror erinnert werden müssen. Es braucht die dauernde verfügbarkeit von mitteln, die bedrohung zur wirklichkeit werden zu lassen, wo die dauerbedrohung durch zweifel oder schlichte inakzeptanz ihre bedrohlichkeit verlieren könnte. Deshalb die penible und exzentrische zensur und vernichtung von kunst und literatur, aber vor allem von satire. Mit anderen worten: der tyrann tyrannisiert auch immer sich selbst. {8}

So war auch eine mächtige katholische kirche war nie die allmacht eines evil genius gewesen; erst recht weil eine so riesige organisation nicht nur durch die interessen weniger erhalten werden kann.


THEOLOGISCHE BEDINGTHEIT DES ATHEISMUS

Es folgt der kern der skizze. Als skizze ist sie lückenhaft, unfertig und vor allem mangelt es ihr an detailliertheit und nachweisen.

These: Die theologie – also die reflexions- und stabiliserungstechnik der religion – stellt die bedingungen für die entstehung des atheismus {9}. Mit dem zunehmenden erfolg der absicherung des christentums gegen irritationen, entwickelt die theologie eine technik, irritationen nicht nur zu erlauben, sondern diese zur effektiveren beseitigung herauszufordern. Die nennung der probleme christlicher lehre (inkonsistenzen, erklärungslücken, etc.) wurden nicht verboten, sondern ihre zulässigkeit reglementiert: innerhalb der theologischen dogmatik durften sie erwähnt und bearbeitet werden; wenn auch stets unter der bedingung der sicherheit ihrer lösbarkeit. (Insofern bereichbegrenztes zulassen aller fragen aufklärerisch und die sicherheit von problemlösbarkeit dogmatisch ist, kann akademische wissenschaft dogmatisch und christliche theologie aufklärerisch genannt werden.) Dies entlastet das subjekt trotz verbot (die fragen werden irgendwo, irgendwann beantwortet worden sein) unter gleichzeitiger kontrolle über die ergebnisse der forschung.

Unter bedingungen erkenntnistheoretischer probleme und fragen beschäftigt die theologie auch die frage nach dem wissen von gott (eben selbst, wenn noch niemand »vernünftigerweise« dessen existenz wirklich bezweifelt gehabt hätte). Um den tückischen unsicherheiten empirischer, logischer und metaphysischer abhängigkeiten des wissensbegriffs zu entgehen, scheint ihr hierfür der glaubensbegriff (als diesen abhängigkeiten enthobenes wissenskonzept) geeignet; ist dieser doch durch die Heilige Schrift und die dogmatische kirchenlehre verpflichtet {10}. Statt sich jedoch nur die dogmatische sicherheit des glaubensbegriffs auf die wißbarkeit gottes überträgt, infiziert nun auch die fraglichkeit von wissen den dogmatischen glaubensbegriff. Die sache dreht sich um: sollte die dogmatik den glaubensbegriff sichern, wird nun die dogmatik selbst fraglich. Aus anderer perspektive: man hatte zur sicherung transzendenter begriffe eben diese begriffe in’s immanente verschoben und sicherte damit ungewollt ihre befragbarkeit. Das versorgte die theologie lange mit arbeit; arbeit, die mit jeder lösung und deren folgeproblemen so drastisch zunahm, daß ihre bewältigung aufwendiger und eine dogmatiksichernde vearbeitung der irritationen unwahrscheinlicher wurde.

»Todesstoß« war die fraglichkeit der fraglichkeit. Nicht der zweifel an gott war auslöser des atheismus – sondern zweifel in den erfolg der theologie und den daraus folgenden zweifel in die fragestellungen derselben. Wie auch immer es zu diesem ›wunder‹ kam, die fraglichkeit des dogmatischen fragenkatalogs konnte die theologie nicht verarbeiten und die unterdrückung der fragen hatte sie selbst undurchführbar gemacht: es gab zu viele theologen, auch zu viele philosophen, an welche die problembeantwortung wegen arbeitsüberforderung ausgelagert worden war. Die innovation lieferte viel weniger die naturwissenschaft (eine schlechte legende von atheisten a la Richard Dawkins), denn die hatte die theologie durch kompetenzzuschreibung (buch der natur/buch gottes [vgl. 1]) sogar hervorragend einbinden können (man denke an’s naturgesetz). Irritation und innovation kamen aus der (der theologie viel näheren und auch durch sie betriebenen) transzendentalphilosophie. Auf die frage, welche fragen stellbar sind, kann die theologie die antwort nicht mehr sicherstellen – denn die regulierung der fragen und fragbarkeiten war hierfür gerade ihr mittel gewesen. Für verbot und verfolgung von atheisten war es längst zu spät geworden; das konnte lang nicht gehen und ging auch nicht lang. Gefährlich war nie der einzelne häretiker oder ketzer, gefährlich war atheismus als kontingenzreflexion des (christlichen) theismus {11}.

Es gab keinen grund mehr, die fragen der theologie zwingend für stellbar zu halten. Entstehung des atheismus war nicht die ablehnung des theismus, sondern die egalität theologischen fragen gegenüber {12}.


EPILOG

Es gibt noch theologie, es gibt noch religion. Verantwortlich vermute ich eine andere innovation, die etwas später die neue zentralveranstaltung ›aufklärung‹ ärgern sollte: Die fraglichkeit der beantwortbarkeit. Sie ist die einführung der kontingenzreflexion auf »aufklärung« und ermöglicht einen neuen raum für religiöse festigung. Vielleicht – wirklich nur vielleicht – wäre hiermit die zunahme religiöser ausübung sowie die veränderungen dieser ausübung zu erklären.


{1} Die frage von @FreihandDenker bezog sich auf die folge »Anbieterwechsel« der serie Tatortreiniger. Ein auszug meiner reaktion:


{2} Beispielhaft der von Kusanowsky angeführte lebenslauf [4]:

Kusanowsky
Figure 1. Kusanowsky: Trivialgenie

{3} Atheisten sind intelligent, kritisch, selbstkritisch, vernünftig – religiöse sind dumm, totalitär, ideologisch, unvernünftig. Das reicht im freundeskreis gruppenüberlegenes wohlbefinden zu erzeugen; mehr aber geben begriffe wie ›kritisch‹ und ›vernünftig‹ nicht her, da sich – man sieht’s hier – der spieß leicht umdrehen läßt.

{4} Wunder heißt hier: unerklärliches, nie-erklärhaftes geschehen, für das nur der verweis auf die unbekannte seite der götterwelt (gottesgesetz/gotteswunder analog zu immanenz/transzendenz, vgl. [2, …]) bleibt. Wunder sind demnach eingriffe gottes und seiner engel, des teufels und seiner dämonen. Dabei wird das unbekannte als unbekanntes faßbar. Besonders interessant hier auch:

Religion hat es unmittelbar mit Eigentümlichkeiten des Beobachtens zu tun. Alles Beobachten muß unterscheiden, um etwas bezeichnen zu können, und sondert dabei einen »unmarked space« ab, in den der Letzthorizont der Welt sich zurückzieht. Die damit alles Erfassbare begleitende Transzendenz […] ist immer präsent, als Gegenseite zu allem Bestimmten, ohne je erreichbar zu sein. […] Die Rückbindung des Unbezeichenbaren an das Bezeichenbare – das ist […] im weitesten Sinne »religio«.

—Luhmann, GdG, II 232

{5} Die wendung »problem(e) blindsetzen« ist an die der »blinden flecken« angelehnt; ich nuze sie hier häufiger.

{6} Man könnte auch sagen:


{7} Auf diesen sehr interessanten punkt hat mich @ReisAgainst aufmerksam gemacht. Seitdem läßt mich die plan- und erwartbarkeit von irritationen nicht mehr los. Vielleicht dazu an anderer stelle. Vielleicht sogar von jemand anderem?

{8} Ein historiker könnte bestätigen oder widerlegen, daß dies gerade an Adolf Hitler gut zu beobachten wäre.

{9} Meine ausführungen konzentrieren sich vor allem auf europa und die christliche theologie.

{10} Dabei ist in der Bibel ›glauben‹ vor allem als ›treue‹ und ›bekenntnis‹, weniger und viel seltener als ›wissen um die existenz‹ gemeint. Das ist noch vermutung. Für nachweise oder widerlegungen bin ich dankbar.

{11} Das gleiche problem hatte die kirche mit dem protestantismus als kontingenzreflexion des katholizismus. Er hat wahrscheinlich ähnliche ursprünge wie der atheismus – und war wohl grund einer entwicklungsverzögerung desselben.

{12} Deshalb ist eine beschreibung von talkshows aufsuchenden atheisteninszenateuren als »atheisten« im genutzten sinne unergiebig. Hier käme man mit einer sektentheorie vermutlich weiter.


LITERATUR

[1] Blumenberg, Hans: Die Lesbarkeit der Welt (stw 592), Frankfurt/M, 11986 (1979)

[2] Luhmann, Niklas: ›Die Gesellschaft der Gesellschaft‹ (stw, 1360), 2 bde., Frankfurt/M, 21999 (1997)

[4] Kusanowsky, Klaus: »Das Trivialgenie und sein Jodeldiplom«, ebd.

[6] Von mir auf diesem blog: Fundamental/Radikal.