DOGMA & SCHRIFT

ÜBER DIE ABHÄNGIGKEIT VON DOGMATIK UND SCHRIFTLICHKEIT

Das primat des dogmas, und damit das bilden und treiben einer dogmatik, erzwingt den fokus auf schrift. Schriftlichkeit und lesbarkeit stehen nicht sekundär zu oralität. Späte errungenschaft ist die flüssige übertragbarkeit von schrift in laut und laut in schrift {1}. Jene wird nötig, wo der rückgriff auf schrift zur versicherung unerläßlich wird.

Noch der mythos kann schriftgebrauch vermeiden und mythische kulturen greifen nur marginal oder gar nicht darauf zurück {2}. Bewahrung des mythos heißt hütung ikonischer konstanz bei gleichzeitiger erhaltung größtmöglicher variabilität.

Die Konstanz seines Kernbestandes läßt den Mythos als erratischen Einschluß noch in Traditionszusammenhängen heterogener Art auftreten. […] Die hochgradige Haltbarkeit sichert seine Ausbreitung in der Zeit und im Raum, seine Unabhängigkeit von lokalen und epochalen Bedingungen.

Blumenberg, Mythos, 166

Die anschlußfähigkeit des mythos ergibt sich aus der minimalität seiner unveränderbarkeit. Diese ermöglicht, daß er immer wiedererkannt wird, aber dauernd anpaßbar ist. Verschiedene erzähl- und auslegungsweisen eines mythos delegitimieren diesen nicht, denn die beständigkeit des kerns ist seine bestätigung. Der mythos erlaubt, vielleicht gar: fordert variation. Er ist anarchistisch, insofern jeder ›kenner‹ zugleich erzähler und ausleger ist. Dann ist schrift und verschriftlichung nicht nur verzichtbar, sondern störend. Mythische variabilität erhält sich durch oralität. Der schriftverzicht sichert unbevorzugbarkeit {3}.


Mit der schrift tritt das dogma oder mit dem dogma die schrift ins primat {4}. Dogmatisierung der schrift und verschriftlichung des dogmas ist beides dogmatik, und die ist vor allem ›verbindlich-machung‹. Nicht grundlos hat für jüdisch-christliche tradition der bund mit gott hohen und höchsten stellenwert. Gottes bündnisse mit dem menschen sind seine verbindlichkeit, seine gebote die verbindlichkeit des menschen und seine (natur-)gesetze die verbindlichkeit seiner welt. Das steht konträr zu der unzuverlässigkeit mythischer vielgötterei:

Er [Zeus] ist, auf lange Sicht, die Unzuverlässigkeit in Person. Nur sein Verhältnis innerhalb des Gewaltenkomplexes der Götter bestimmt indirekt eine Art von Dennoch-Zuverlässigkeit an ihm. Nur daß er nicht alles kann, macht ihn erträglich. denn er ist ein Wettergott wie Jahwe ein Vulkangott. Dennoch ist gerade hierin der alttestamentliche Gott das genaueste Gegneteil des Zeus, denn er wird beschworen mit der Erinnerung daran, er habe das Volk aus Ägypten geführt und ihm das verheißene Land Kanaan gegeben. Er ist der Garant einer Geschichte und der aus ihr erwachsenen politischen Konstellationen kraft seiner Identität. Seine Hauptforderung ist, ganz dieser Eigenschaft gemäß, Treue des Partners zum Bündnis, zum Vertrag, zur Geschichte.

—, 148

Schrift ist und schrift wird verbindlich. Geschriebenes besorgt die verringerung von variierbarkeit durch ihre standfestigkeit, während zugleich gilt: primär ist, was gechrieben ist. So wird dann für dogmatische kultur nicht nur schrift, sondern gar die Schrift (die Bibel) als ständige referenzmöglichkeit und referenzpflicht bedeutsam.

Man beobachtet dies an misch- oder umbruchkulturen wie dem antiken Griechenland: Ist Platons Sokrates das schreiben noch verhaßt, läßt sich Platons schaffen kaum, Aristoteles gar nicht ohne schrift denken. Wer eine dogmatik in der Griechischen antike nicht finden mag, sollte es wertfrei noch einmal versuchen: dogmatik ist die sich ausbildende disziplin der philosphie. Sie ist dogmatik, weil sie lesend und schreibend bedenkt und beschließt, was wie zu verstehen ist – also: was richtig, was falsch ist.

Mythische kultur kann ohne ›mythik‹, dogmatische kultur aber nicht ohne dogmatik auskommen. Das dogma fordert eine bestimmung, was dogma ist – es gilt verbindlichkeit. Diese benötigt dauernde versicherung und absicherung, womit der dogmatikzwang des dogmas die mittel zu dessen zerstörbarkeit bereits in potenz enthält [vgl. dazu AuO].


Das alles führt vielleicht zu verwirrung. Dies liegt vor allem an der negativen wertung von »dogmatik«, welche zumeist als tyrannei christlicher doofheitsherrschaft verstanden wird. Grund dafür ist eine andere dogmatik, die das dogma der aufklärung durch die ablehnung des religiös-theologischen dogmatismus etabliert hatte. Ohne die vorzüge aufklärerischer helligkeitsideologie gegenüber römisch-katholischer glaubensbürokratie zu leugnen: so wenig wie dem christlichen mittelalter an ratio gemangelt hatte, so gegenwärtig ist das dogma in aufklärerischen zeiten. Die gewährleistung von meinungsfreiheit bedeutet nicht alles, wenn der freiheitsraum durch aussonderung von unmeinungen gegen irritationen isoliert wird. Der suizidwunsch des depressiven ist indiskutabel, das kind hat bei der eigenen mündigkeit kein mitspracherecht und pseudowissenschaft ist pseudowissenschaft. Das ist nicht zwingend oder immer totalitaristisch – könnte aber alles ganz anders sein.

Ratio ist kein gegenbegriff zu mythos und dogma. Im gegenteil sind letztere bereits verfahren zur verfügung von rationalität: sie stellen die mittel bereit zu entscheiden, was wie anschlußfähig und was wie indiskutabel ist. Mythen und dogmen dirigieren sinn.

Die ideologie von notwendigkeit und größe gegenwärtiger formen macht blind gegen das verständnis von veränderungen; man zittert gegen den kulturverfall von heute und erschrickt über den kulturuntergang von morgen; es gilt bestandsverteidigung – doch das bringt nichts, wenn alle andere bestände verteidigen. (Wer alles liest, was »man gelesen haben muß«, wird zu lebzeiten nicht fertig.) Wie der druck der vielen schriften auf die eine, ist es heute der druck auf die legitimierten durch ›dauerpublikation‹, der veränderung erahnen läßt. Ein sachlicher blick, welcher in christlicher dogmatik nicht gleich »das Böse«, in der aufklärerischen nicht gleich »das Gute« sehen will, könnte die beobachtung eines alten umbruchs zu nutzen versuchen, einen neuen beobachtbar zu machen. Hierfür scheint mir die beobachtung der verbindung von schrift und dogma gewinnbringend, gerade weil diese verbindung sich löst, wo kanons unmöglich und alle leser publizisten werden.

To be continued…


{1} Die gewährleistung dieser flüssigen übertragbarkeit wird bedingt durch überträgerschaft: menschen müssen zum schreibenlernen und lesenlernen, zum schreiben und lesen abgestellt werden. Dies besorgt im europäischen mittelalter die kirche mit der ausbildung von priestern und mönchen. Später übernehmen die vom staat bereitgestellten beamten. Nicht ohne grund wird die schriftabhängige forschung ›wissenschaft‹ dann später in’s beamtentum integriert: mit universität und professorat. Vgl. zu letzterem den ersten teil (»1800«) in Kittler: Aufschreibesysteme.

{2} Statt von fehlender alphabetisierung oraler kulturen könnte also eher von der rudimentarität der schreib- und lesetechniken gesprochen werden. Es fehlt weniger an der fähigkeit zu schreiben, als mehr an der fähigkeit in der uns gewohnten diffizilen und komplexen weise zu schreiben.

{3} Wie wenig es mythen um die binäre einteilung wahr/falsch gegangen war und wie daraus später unentscheidbarkeit folgte, sehen wir, wo der übergang von mythos zum dogma, von oralem zum scribalem primat beobachtbar ist: zwei schöpfungsgeschichten in der Bibel, zwei sprachursprungsgeschichten, vier Jesusbiographien. Undenkbar ist, daß nach verschriftlichung eine dritte oder vierte schöpfungsgeschichte hinzugetan hätte werden können. Bei der zusammenfassung war eine entscheidung für die ursprünglichkeit einer der beiden aber offensichtlich nicht mehr möglich.

{4} Tatsächlich meine ich beides. Ein zirkel, fehlerhaft für kausalbeschreibungen, hier aber wichtig.


Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos, Frankfurt/M, 51990 [1979]

Kittler, Friedrich: Aufschreibesysteme 1800/1900, München, 42003