Dogmatisch – Scholastisch – Spekulativ

FRAGMENT ZUR THEORIEFUNDAMENTALISIERUNG

Im anschluß an die unterscheidung radikal-/fundamental (1) folgt die entwicklung weiterer analysemittel zur beobachtung theoretischer fundamentalisierung. Der text ist noch fragment.


Die unterscheidung theorie/methode soll nicht handlungsontologisch verfestigt werden. Von seiten der methode ist die theorie Das-zu-stützende, von seiten der theorie ist die methode Das-zu-entwickelnde. Handlungsontologische verfestigung hieße: von universalen entitäten (»in der welt«) auszugehen, die unabhängig voneinander bestimm- und beobachtbar wären. Dagegen bereits Feyerabend:

To start with, we must become clear about the nature of the total phenomenon: appearance plus statement. There are not two acts – one, noticing a phenomenon; the other, expressing it with the help of the appropriate statement – but only one […]. We may, of course, abstractly subdivide this process into parts, and we may also try to create a situation where statement and phenomenon seem to be psychologically apart and waiting to be related. (This is rather difficult to achieve and is perhaps entirely impossible.) But under normal cirucmstances such a division does not occur; describing a familiar situation si, for the speaker, an event in which statement an phenomenon are firmly glued together.

Paul Feyerabend, Against Method, revised edition, London/New York 1988 (1975), 58

Allerdings ist seine folgeerklärung – »this unity is the result of a process of learning that starts in one’s childhood« – ungenügend, insofern auch hier eine »eigentliche« unterschiedenheit beider seiten unterstellt wird. Dabei sind theorieanstrengungen zur bestimmung eines beobachterunabhängigen verhältnisses überflüssig, da die beobachtung von theorie immer beobachtung ist. Theorie wie methode – beides ist theorie; nur wird letztere das eine mal als ›ereignis‹ oder ›praxis‹ (vgl. πρᾶξις, μέθοδος und θεωρητικός), das andere mal als ›gegenstand‹ oder ›theorie‹ (vgl. δόγμα und θέσις) beobachtet. Erst für einen beobachter macht die differenzierung sinn. Mit dieser differenz ist allerdings bereits auch eine identität bzgl. der differenzierbarkeit unterstellt (2).


[…]


Das verhältnis von theorie zu methode und methode zu theorie kann ›grammatisch‹ als ›infinitiv‹ oder ›definitiv‹ bestimmt werden; ›definitivität‹ unterstellt die fundierung einer seite – infinitivität bezeichnet eine von der anderen seite beeinflußbare vorläufigkeit. Danach ergäbe sich folgendes modell:


Methode/Theorie
Figure 1. Methode/Theorie

Konzeptionen, die methode und theorie als wesensverschiedene entitäten trennen, beschreiben deren verhältnis als strickt kausallogischen abhängigkeit; hierbei steht eine (wirkende) progressionsseite gegen eine (bewirkbare) rezeptionsseite. Eine solche konzeption ist doppelt defizitär:

  1. Kann sie die infinitivität beider seiten (spekulation) nicht verstehen.

  2. Kann sie den wechsel von theorieprogrammen nur als »ablösung«, nicht als evolution beobachten. Ihr muß gerade auch die unterschiedliche rezeption bzw. die verschiedenartige anschlußfähigkeit von theoriekonzeptionen ein rätselhaftes mißverstehen bleiben.

Es benötigt beides, will man die entstehung von radikaltheorien bzw. deren entwicklung zu fundamentaltheorien beobachten (3).


(1) @bertrandterrier, Fundamental/Radikal, auf mulus.science, stand: 17.03.2017

(2) Bereits Aristoteles gibt für eine unterscheidung die ›identifizierung‹ beider seiten vor: die nennung der oberklasse (genus proximum).

(3) Vgl. dazu bisher Klaus Kusanowsky, Fundamental und radikal. Rechtfertigung und Provokation, auf: differentia, stand: 17.03.2017