Blinder Fleck – toter Winkel?

Kann institutionalisierte wissenschaft sich als alternativform beobachten? (1)

Über diese frage entwickelte sich eine diskussion mit @lisarosa und @adloquii; der vorliegende text reagiert im besonderen auf folgenden tweet:


Ich bin skeptisch. Was meint hier: sie könne es beobachten, aber nicht durch formanpassung reagieren? Wissenschaft beobachtet die verhältnisse, wird aber durch ein festes reglement »gezwungen, nichts zu sagen«(?) Das hieße, wissenschaftler wären entweder doof (sie beobachten’s nicht, obwohl’s möglich wär) oder hörig (gezwungen durch die institution). Mir ist aber nicht ersichtlich, daß die instiutionalisierte wissenschaft in einer krise wäre, weil sie etwas beobachten würde, auf das sie nicht angemessen reagieren könnte.

Dagegen behaupte ich: die »krise« (doofe bezeichnung, aber was soll’s…) institutionalisierter wissenschaft besteht im unverständnis der funktionsuntüchtigkeit ihrer reaktionen. Dies gerade weil sie sich selbst nicht als alternativform beobachten kann.

Die institutionalisierte wissenschaft unterscheidet wissenschaft und nicht-wissenschaft, nicht aber weiter institutionelle und nicht-institutionelle wissenschaft. Im gegenteil: wo sie nicht-institutionalisierte wissenschaft ›entdeckt‹, ist ihr das ein mißstand: entweder der eines fehlenden einschlusses (»das ist wissenschaft und muß institutionalisiert oder institutionell eingebunden werden) oder der (teil-)erfolgloser delegitimierungsverfahren (wegen pseudowissenschaft besteht »aufklärungsbedarf«). (2)

Dies mag folgenden grund haben: Würde institutionalisierte wissenschaft sich als alternativform beobachten »können« (3), würde ihr die angabe von gründen für die erhaltung der institution unmöglich. Jede grund würde andere wissenschaft als defizitär delegitimieren: »Nur vom staat finanzierte wissenschaft ist unabhängig.« »Nur vom staat finanzierte wissenschaft garantiert professionalität.« Bedient sich dessen institutionalisierte wissenschaft nicht, ist ihre stabilität gefährdet. (4)

Ich würde also behaupten (aber zugegeben: unsicher): Die instiutionalisierte wissenschaft kann sich nur als ›für wissenschaft notwendige form‹ beobachten.

Notwendige (aber durchaus nicht hinreichende) bedingung dieser these wäre, daß institutionalisierte wissenschaft andere formen wissenschaftlichen vorgehens entweder ablehnt (bsp: pseudowissenschaft), diese anbindet (man denke an die assimilation der naturheilkunde durch die medizin) oder sie als defizitär markiert (citizen science, populärwissenschaft, etc.). Hier läge ein ansatzpunkt zur überprüfung.


(1) Beginn der diskussion hier:

(2) Das problem, zirkel- und dogmenfreie verfahren zur identifikation von pseudowissenschaft zu finden, scheint mir dies zu bestätigen.

(3) Das wort »können« ist hier eigentlich falsch: denn wo sie es kann, wird dieses früher oder später getan. Sonst bäruchte man eine erklärung, warum institutionalisierte wissenschaft bisher nicht tat, was sie doch getan haben hätte können.

(4) Man denke vergleichsweise an die selbstlegitimation von kirchen: noch der offenste und vernünftigste und gescheiteste protestantismus muß doch mindestens behaupten es wäre »besser« in die kirche zu gehen und zwar »besser in diese unsere kirche«.