Spaziergängeristik


Stellen wir uns eine gemeinschaft vor, in der die bedeutung von spazierengehen sich derart steigern konnte, daß wegen zeitmangels beschlossen wurde, eine gruppe allein für’s spazierengehen abzustellen. Man gründet die spaziergängeristik. Deren unabhängigkeit wird betont, denn das spazierengehen darf – da ist sich die dorfgemeinschaft einig – nicht durch wirtschaftsinteressen korrumpiert werden. (Nur zu gern würde Heribert das pilzesammeln als integralen bestandteil des spazierengehens bewiesen wissen, um gleich doppelt abzusahnen: als spaziergänger und pilzverkäufer.)

Die spaziergängeristik diszipliniert sich: es gibt die spaziergängerologie, die spaziersoziologie, die philosophie der spaziergängerei, die angewandte spaziertechnik, die spazierpsychologie, usw. Die spaziergängeristik organisiert sich: die disziplinen werden in fakultäten und institute unterteilt, besonders erfahrenen spaziergängern vergibt man professuren, um angehende spaziergänger zu unterrichten. Bald schon verlangt die bewerbung auf eine professur eine spazierpromotion (austretung eines eigenen spazierweges). Natürlich gibt es streitigkeiten: die naturalisten und konstruktivisten, die stoiker und die existentialisten, die himmelskucker und die bodenglotzer, usw. Einig sind sich aber alle: ohne die spaziergängeristik droht der gemeinschaft der untergang.

Irgendwann entwickelt man maschinen, wodurch jetzt viele der gemeinschaft zeit für spaziergänge haben, ohne daß sie der spaziergängeristik angehören müßten. Unter den professionellen sieht man schnell: nicht nur die spaziergängeristik, sondern das spazierengehen überhaupt ist bedroht. Diese tölpel laufen wie sie wollen, halten sich nicht an grundlegendste spaziergängermethodik – und überhaupt fürchtet man betrug. Schon kamen einige auf die idee, man müsse sich an die »doktorpfade« nicht halten, könne quer über eine wiese rennen (rennen!) oder ganz ohne vorherige planung eine pause einlegen. Die hochehrwürdigen spaziergängeristikprofessoren tun, was in ihrer macht steht: reden halten, vorträge halten, plädoyers halten… Einmal spaziert man demonstrativ für spaziergängeristik durch’s dorf und nennt das »march for walking«. Doch nichts hilft. Die katastrophe trifft ein: jede und jeder dorfbewohner spaziert nach eigenem gutdünken, die spaziergängeristik wird irgendwann der störung öffentlicher spaziergängerei angeklagt und aufgelöst. Das dorf ist freilich nicht mehr zu retten: die leute verhungern, erfrieren, verbrennen, ertrinken, verdursten, begehen selbstmord – die spaziergängeristikprofessoren können sie nicht mehr vor der welt beschützen…

Und die moral von der geschicht’: verzicht’ auf spaziergängeristik nicht!


Ergänzung 28.04.2017: Ein kommentar mit analyse und theorieanwendung von @kusanowsky:

Die kleine Satire von @bertrandterrier über Spaziergängeristik ist keine.