Verbeamtetes Genie (Fragment)

ÜBER ORIGINALGENIE UND ORIGINAL/KOPIE

Die vorliegende auseinandersetzung mit dem originalgenie bleibt fragmentarisch. Die einzelnen gedankenstränge konnte ich bisher nicht bündig zusammenführen. Trotzdem veröffentliche ich den text, weil ich einiges für durchaus weiterführenswert halte, auch wenn mir dies bisher nicht gelungen ist.


Das Wörtchen ›echt‹ war das bedeutsamste und höchstgeschätzte Adjektiv, das der Kunstwart zu vergeben hatte: Echt sollte schlechterdings alles sein, vom Nationalcharakter […] über die Ausdruckssprache eines Kunstwerks […] bis hin zur echten, nämlich rein zweckmäßigen und darum schönen Form eines Möbelstücks.

–Stach, Kafka, 241 f.

Being by now familiar with academic ways – the more paper you deface, the better – I wrote a German version and sent it to Kantstudien. The German version says exactly the same thing es the English version, but with the parts of the argument interchanged. A philosopher […] read both papers and commented on my »development« […].

—Feyerabend, Killing Time, 115

Mittelalterliche Textgepflogenheiten, die das Buch selbst wie einen Autor sprechen lassen, haben den Buchdruck nicht überlebt. Es wäre nicht ganz abwegig, sie wiederaufzugreifen, denn schließlich stammt, jedenfalls wo es ›wissenschaftlich‹ zugeht, nur sehr weniges, was in einem Buch zu lesen ist, von dem Autor selbst.

—Luhmann, WdG, 11 fn. 1


Den diktierenden, kritzelnden, tippenden menschen als ›autor‹ zu konzipieren, ist entscheidend für die gesellschaftliche behandlung von texterzeugnissen als »geistigem eigentum« und der gratifikationssicherung bestimmter ›berufe‹ {1}. Aber die autoridentifikationstechnik schwächelt. Plagiatsjäger mögen die ideologie des originalgenies noch zu retten versuchen, doch die bedrohung der wissenschaftlich professionellen erzwingen diskussionen, die unterscheidungen wie original/kopie/plagiat verunsichern. Das liegt vor allem an entwicklungen solcher schreib- und publikationstechniken, die für textproduktion längst unerläßlich sind.

Diese beobachtung des verhältnisses von »geistigem eigentum« und originalgenie ist sehr unergiebig nach gut/schlecht handhabbar; gern und häufig wird ignoriert, daß es nicht um die verhandlung eines gesellschaftlichen themas, sondern um die auseinandersetzung eines vieldiskursiven unterscheidungskomplexes handelt. Die identifizierung von bösen vor denen die welt zu retten ist, hilft wenig weiter. Versachlichung könnte heißen, die diskurse zu differenzieren, die sich in der originalgeniösen ideologie verschränken. Die unterscheidung genial/gemein und die abhängigkeitskonstruktion autor–werk stützen im recht die konstruktion des geistigen eigentums – und vor letzterem, gilt’s ersteres zu untersuchen.

Die entstehung der originalgeniösen ideologie läßt sich an entstehung und erhaltung der universitätswissenschaft verdeutlichen:


Spätestens um 1800 werden bestimmte berufe gratifikatorisch gesichert, um deren arbeit wahrscheinlich halten zu können. Zu diesen gehören schriftsteller und journalisten, philosophen und wissenschaftler {2}. Die wissenschaft hatte sich von der christlichen kirche gelöst und die kunst begann sich vom mäzenentum des adels und damit politischer einflußnahme zu entziehen. (Man denke bei ersterem an den Kopernikanismus, bei letzterem vor allem an Sturm und Drang und die Romantik, wo die hinwendung zur natur immer auch abwendung vom bürgertum und der protest kunstemanzipatorischer destruktion von ordnungszwängen ist.)

Weil professionalisierte forschung, kunst, journalismus u.ä. in produktion wahrscheinlich und deren konsumtion konvention geworden war, war verzicht unwahrscheinlich geworden – nicht wenig hing davon ab. Das mäzenentum demokratisierte sich und kunst wie journalismus wurde nun vom käufer gefördert. Die entkirchlichung der forschung wurde vor allem mit verstaatlichung kompensiert: statt theologischer, politische abhängigkeit. Man ist »frei von« kirche, versteht sich aber auch von politischer abhängigkeit emanzipiert, indem langerhand die staatsstabilität (konkret in unserem fall: stabilität der demokratie) als abhängig von wissenschaftlicher expertise erklärt wird. Der innovationsschub lieferte die evidenz, zwang aber die wissenschaft in innovations- und legitimationsdruck.


In dieser zeit finden wir den ursprung der originalgeniösen ideologie: das wunder des fortschritts wurde mit der unterscheidung genial/gemein und autor/werk in das subjekt verschoben. Damit konnte einerseits der christlichen erfüllungsgeschichte (eschatologie) eine fortschrittsgeschichte der aufklärung entgegengesetzt, und andererseits das genie als deren verwalter etabliert werden {3}. Im originalgenie liefert die unterscheidung kopie/original (die kopie das »bekannte«, das »andere, fremde« das innovative (s.u.) original), mit der impliziten aufwertung des letzteren; und weiter die etablierung der verbindung des genius mit der schöpfung des originals (innovation).

Bedacht, was zu gewährleisten war, darf die leistung dieser unterscheidungen nicht unterbewertet werden: die konzeption von original(werk) und originalgenie mußte recht, wissenschaft (bürokratischer forschung) und kunst genügen; sie mußte also die etablierung verschiedener unterscheidungsmittel für verschiedene unterscheidungszwecke ermöglichen und übertragbarkeit garantieren: Erst über den autor lassen sich funktionssysteme analogisieren. Und das meint: ereignisbeobachtungen zu phänomenbereichen homogenisieren. So interpretiert die wissenschaft die unterscheidung genial/gemein als original/kopie, das recht als eigentum/gemeingut, die kunst als schöpfung/variation, etc. Jede weitere unterscheidung, die spezifikationen oder modifizierungen dienen, müssen aber in den jeweils anderen bereichen analogisierbare unterscheidungsmittel hervorrufen. (Oder: gewinnt stabilität, wo sie dies tut, irritiert aber, wo nicht.) Die publizierende wissenschaftlerin ist sowohl wissenschaftlicher redlichkeit als auch gesetzlicher reglementierungen verpflichtet, und sie darf und kann und soll verlangen, daß eine individuelle und (vom funktionssystem unabhängige wahl) zwischen richtig/falsch bzw. gut/schlecht möglich ist. Offensichtlich ist das die ausnahme, dennoch wird die forderung als gerechtfertigt anerkannt: Der künstler verlangt, das recht dürfe die künstler nicht einschränken, vom wissenschaftler wird verlangt, seine forschung dürfe nichts rechtswidrig sein, usw. Dermaßen wird über das individuum eine ständige spannung zwischen den funktionssystemen konstituiert.


Die unterscheidung original/kopie genügt der wissenschaft nicht: Es soll weder, jedes original idealisiert noch alles kopieren abgelehnt werden. Auf beiden seiten werden also weitere unterscheidungen eingeführt: 1. Original/innovation, wobei originalität mindestens gefordert, innovativität maximal gefördert wird. 2. Zitat/plagiat, wobei das zitat (bedingt) toleriert (ja, dann zur sicherung der originalität sogar gefordert), das plagiat aber vollständig abgelehnt wird {4}. Diese unterscheidungskonkretisierungen müssen sich überall wiederfinden, sollen irritationen der originalgeniösen ideologie vermieden werden: das recht kennt legitimierte/nicht-legitimierte kopie – bleibt aber bzgl. innovation/original indifferent.Hier verbirgt sich ein irritationsfähiges moment: jedes original verdient rechtlichen schutz. Aber warum ist es nötig, eine originelle wiederholung zu schützen? Aber weshalb die wiederholung schützen? (Ich darf nicht den text eines anderen als meinen ausgeben, aber wenn ich zwei in meinen worten wiederhole, ist es schützenswert.) Hier zeigt sich irritabilität. Die frage, welche art der kopie noch kunst sei und welche nur kopie trifft das problem: wie ist nicht-innovative originalität von kopie zu unterscheiden?


{1} Zur verschränkung von originalgenie und geistigem eigentum vgl. ein interview mit Roger Walters PaP ca. 19:30 – 25:30 min, wo bezahlung sich mit value/»valueless« verbindet. Außerdem interessant: »How Mickey Mouse Destroyed the Public Domain«.

{2} Daß das problem gerade in der kunst so zentral ist, liegt an verarbeitungstechniken, welche die wissenschaft sich großteilig untersagt, für welche aber in der kunst freiraum geschaffen wurde: Der aneignung und verarbeitung eines themas durch variierte durchführung; die unterscheidung original/kopie testet die kunst durch anwendung. (Gerade deshalb gibt es für @kusanowsky auch einen unterschied zwischen dem »spotler« und dem »verbrecher«. Beide nutzen die kopie für künstlerischen versuche. Jedoch deckt interessiert der sportler sich für das künstlerische experiment, während für letzterer, die ökonomische verwertbarkeit im blick, die kopie als kopie verdecken muß.

Beltracchi konnte mit seiner Methode die Struktur der Kunst nicht beeindrucken, Landis dagegen konnte mit der selben Methode für die Beurteilung von Kunst eine Neuerung vorschlagen.

{3} Man denke, daß noch Leonardos insprirationsbeschreibung weniger vom genie- als vom heilsgedanken geleitet war: Nicht der geniöse künstler, sondern der schöpferische gott sorgt für das künstlerische, dessen ausführungskraft der künstler ist.

{4} Es ergibt sich der zwischenbereich des durchgängigen zitats (kopie): Wer eine arbeit von William James abtippt, sie einreicht, die gesamte arbeit aber als zitat kenntlich macht, fällt durch das seminar, ohne wissenschaftlich exkommuniziert zu werden. Der fall erscheint uns so seltsam, weil er wissenschaftlich (aber nicht rechtlich!) ein leerbereich ist, mit dem wir (wieder: wissenschaftlich) wenig anfangen können: er ist weder vollkommen abzulehnen, noch wäre er irgendwie nützlich oder gefordert.


LITERATUR

›All Songs Considered‹: »The Politics And Passions Of Roger Waters« [PaP], auf: NPR, am 31.12.2016

Feyerabend, Paul: Killing Time. Autobiography, Chicago und London, 1995

Kusanowsky, Klaus: »Über Kunst, Sport und Verbrechen«, auf: differentia, stand: 21.01.2017

Luhmann, Niklas: Wissenschaft der Gesellschaft [GdW] (stw 1001), Frankfurt/M, 72015 [1990]

Stach, Rainer: Kafka. Die frühen Jahre, Frankfurt/M, 12016 [2014]