Held und Genie

Demokratische Geschichten

Der held der moderne ist ein demokratischer held. Kein halbgott durch geburt, nicht zum scheitern durch’s schicksal bestimmt – sondern held durch gemüt (mut, entschlußkraft, tapferkeit, etc.), der auch nicht den opfertod sterben, sondern der opfer an sich ertragen muß. Der antike held wird held durch einfügung in die welt – der moderne jedermann wird held gegen (in konfronation »mit«*) der welt; der antike held erfüllt, der moderne held verändert sein schicksal. Dieser findet sich im 20. jh. vor allem als soldat, dann später eher als sportler (der »fußballgott« statt des halbgottes); wichtig ist: er ist wie jeder – soldat, sportler: zweimal »uniform« –, um herauszuragen.

Die nationaldemokratischen bewegungen beruhen auf diesem paradoxen modell der ungleichheit in der gleichheit; es erlaubt die verbindung von liberté, égalité, faternité: der held ist ein gleicher in einem bund von gleichen, der durch taten herausragt. Und dieses paradox: daß alle gleiches recht hätten, doch einer alles ändern (also ein recht gegen andere durchsetzen) könnte – dieses paradox muß die demokratie für ihr bestehen ertragen. Es erhält sich im satz: »Jede stimme zählt!« … Dabei zählt die stimme nur, wo sie nicht mehr zählt: eine einzelne stimme reicht der partei für die wahl nicht hin (und ist damit verloren), und unter vielen zählt die eine eben nur als »irgendeine«.

Dies durch geschichten aushaltbar zu machen, hat nichts mit listigkeit zu tun: die geschichte »verdeckt« keine wahrheit, sie ›erhält‹ eine. »Jeder kann zum helden werden – aber nicht alle.« Diese geschichte ist einsehbar; eine geschichte von der tat, die nur getätigt werden müßte. Unverstehbar und zynisch wird sie, sobald genügend leute sich glauben und versuch erlauben können, aber wenige erfolg haben: nur am gemüt kann es kaum liegen… Was würde mit einer demokratie, die den helden nicht mehr versteht?


Nicht weiter dazu; stattdessen zu einer anderen, aber sehr ähnlichen geschichte: dem genie. Freilich gibt es unterschiede: statt vergemeinschaftung, vereinsamung; statt tatkräftigem, ein zögerliches (»nachdenkliches«) gemüt, …

Man könnte hier weiter machen, und dies zu beschauen wäre tatsächlich ein interessantes dingen: lag vielleicht nicht nur potential im heldenbegriff, nicht nur im geniebegriff – sondern in der ergänzung und überlagerung beider? Die geschichten von held und genie sind zwei geschichten vom nutzen der tat: beide fordern diese, beide loben diese; dermaßen läßt sich diese in jeder berufsideologie (also der arbeit als »selbstverwirklichung«) auf die eine oder andere weise verstehbar und verständlich machen: politiker, wissenschaftler, handwerker, etc.

Man kann dann gerade an veränderungen beobachtungen machen: Nun werden auch heldinnen und weibliche genies als vorbilder gesucht und frauen nun auch zur arbeitsselbstverwirklichung berufen. Und – zweiter fall – probleme die arbeit als selbstverwirklichung zu verstehen, korrigieren sich durch die trennung des berufs von der geldarbeit (»Job). Man arbeitet unentgeldlich, schreibt bücher oder tritt bei castingshows auf, um irgendwann irgendwo »entdeckt« zu werden – man arbeitet sozusagen »auf kredit«. So steht die verdienstsicherung vermeintlich niemandes heldischer oder geniöser im wege.


* Die »konfrontation mit« wäre eine bereichernde wendung im Deutschen, wenn man sie von der »konfrontation gegen« unterscheiden würde.