Geschäft, Korruption, Lobbyismus

Kurzer gedanke zum colloquium-podcast Informationsverarbeitung mit @adloquii und @christopheus:


Ständige korruption ist geschäft oder verschwörung. Wenn man nicht zu verschwörungstheorien neigt, wird man annehmen, daß lobbyismus nicht korruption, sondern geschäft ist. Und einem geschäft kann die geschäftsfrau sich nicht leicht entziehen. Freilich: sie könnte mit dem geschäft aufhören. – Will sie aber das geschäft fortführen kann sie auf zugängliche, erst recht auf ständig genutzte geschäftsverhältnisse nicht verzichten. Und das gilt für alle geschäftstätigen: immer wird damit gerechnet, der andere könnte ergreifen, was möglich und erlaubt ist; weshalb man sich selbst (schmerzhaft oder erfreut) genötigt sieht, die jeweiligen geschäftsverhältnisse zu nutzen. Dies nämlich, weil es keine möglichkeit gibt, die anderen geschäftler vom nutzen bestimmter geschäftsverhältnisse abzuhalten; gäbe es eine solche (durch moralisierung oder strafe), handelte es sich um korruption. Deshalb die streitigkeiten, ob etwas noch geschäft sei oder schon korruption wäre: der eine geschäftler will geschäftsverhältnis unterbinden, das dieser einzugehen sich durch das (mögliche) eingehen durch andere geschäftler gezwungen sieht.

Deshalb ist mit dem verweis auf die »bösen unternehmen« oder die »korrupten politiker« wenig getan; beide haben ein durchaus anständiges anliegen: das geschäft zu erhalten. (Und ob es dem einzelnen dabei nur um den eigenen gewinn geht, spielt nur eine untergeordnete rolle.)

Das problem mit dem lobbyismus ist der beschränkte blick der »eingriffs«möglichkeiten durch politisches handeln: hier kann nur verboten (korruption) oder erlaubt (geschäft) werden; auch einschränkungen oder auflagen fallen unter dieses schema (wenn auch subtiler).* Das korrupte wird jedem unternehmen untersagt, und das geschäft ist jedem unternehmen erlaubt. (Und in letzterem fall: das unternehmen genötigt das geschäftsverhältnis mindestens in erwägung zu ziehen – oder zu kompensieren. Man sieht das gut an biolebensmitteln: ein geschäftsverhältnis (günstige schädlingsbekämpfung und produktion) wird durch ein anderes geschäftsverhältnis (auszeichnung als höherwertig) kompensiert. Dann wird es zum problem, daß dutzendfach biosiegel entstehen. Gerade hier wird auch mit einer moralischen unterscheidung von geschäft/korruption zu agieren versucht; und das mit nicht geringem erfolg.)

Der verbotsraum ist aber begrenzt: was in einem land gegen gesetze verstieße, kann in einem anderen erlaubt sein. Außerdem kann sich das geschäft längst recht stark von gesetzlichen verordnungen lösen. Dies könnte sich beobachten lassen, daß in solchen ländern korruption üblich und ständig sei – intelligenter wäre vielleicht, daß verhältnis geschäft/korruption als ein weniger zeitstabiles zu beschreiben: »korruption ist dort geschäft« hieße, daß geschäfte sich gezwungen sehen, risikoreiche geschäftsverhältnisse einzugehen, die sich später als korruptionsverhältnisse herausstellen könnten (»korruption ist, wenn du erwischt wirst«).

»Die sind eh alle korrupt« meint: korrupt von einer fiktionierten geschäftsreglementierung aus, die – so findet man – durchgesetzt sein sollte und deren wirkungslosigkeit durch die schlechten charaktere mächtiger zu erklären ist. Eine aussage, die häufig aus mündern kommt, um eigene korruptionsverhältnisse als geschäftsverhältnisse zu rechtfertigen. Denn der Uli Hoeneß ist doch eigentlich ein netter kerl, der nur tat, was alle andern eh auch tun… Heißt: er ist ein risikogeschäftsverhältnis eingegangen, daß sich als korruptionsverhältnis herausstellte; eigentlich hatte er keine schuld, sondern pech.


* In der regel wird der begriff korruptoin auf bestechungen beschränkt; hier nicht.