Die Dreistigkeit von Radikaltheorie

FUNDAMENTALTHEORETISCHE VERSTÄNDNISSE DER LUHMANNSCHEN SYSTEMTHEORIE (auftakt)

[…] wenn man die zunehmende Formelhaftigkeit und Redundanz [des luhmannschen werks] betrachtet, dann gewinnt man leicht den Eindruck, daß hier jemand ungeheure Mühe darauf verwendet (oder verwenden muß), um einen konstruktiven Anfang, den er dezisionistische falsch gewählt, jedoch programmatisch für »kontingent« erklärt hat, »notwendig« (nämlich »denknotwendig«) zu machen. […]

[Es] tritt die Beliebigkeit bzw. die Unbegründetheit oder Unbegründbarkeit des Anfangs mit zunehmendem Grad der (theoretischen) Kondensation einerseits und der (empirischen) Expansion andererseits immer deutlicher zutage.

Walter L. Bühl: Luhmanns Flucht in die Paradoxie, 1

Fundamentaltheoretisch beobachtet muß der übertriebene theorieaufwand an und für kontingentes ökonomisch erklärt (›verwertet‹) werden. Dann wirkt Luhmanns theorie doof, nämlich taub und blind, sogar selbstblendend. Aufklärung (putzen) ist notwendig.

Man will nicht glauben, erst recht aber nicht unterstellen (die akademie ist höflich!), daß diese systemtheorie – dieses ›radikale‹ produzieren, publizieren und reproduzieren – tatsächlich verrückt ist. Nämlich einerseits unerhört – andererseits (und dadurch unerhört:) vom gegebenen aus immer nur ›negativ‹ als anderes (nicht mehr als: »nicht das hier«) beobacht- und erklärbar.

Das ist eine frechheit, weil es unterbindet, die theorie mit »vernünftigen gründen« ablehnen zu können. Übertragen: da hält sich einer beim spiel nicht an höflichkeitsregeln (reizt die spielregeln aus). Was bleibt? Fairness einfordern? [1]


@ReisAgainst-fair
Figure 1. @ReisAgainst am 11.05.2017

Man kann Luhmann als einen betrachten, der nicht triezen wollt; der schluß wäre fehlerhaftigkeit. Man kann Luhmann als einen betrachten, der triezen wollt; dann bleiben zwei mögliche schlüsse: 1. ihm »scharlatanerie« oder »stümperei« vorzuwerfen (und wäre das nur naiv oder nicht durchaus auch treffend?) oder 2.:


Wie die radikaltheorie sich die anfällige statik einer fundamentaltheorie nur als fundamentalisiertes radikal erklären kann [2], bleibt die radikaltheorie aus fundamentaler perspektive immer reine destruktion; im harmlosesten falle: selbstdestruktion (»widersprüchlich«, »paradox«, »zirkulär«, etc.). Die alternative dazu, Luhmanns »ungeheure Mühe« unter dem prinzip theorieökonomischer sparsamkeit als widerspruch zu entlarven und die »Unbegründetheit oder Unbegründbarkeit« (kein fundament) unter den bedingungen fundamentaltheorischer unangreifbarkeitsbestrebungen als scheitern (welches dann das paradox als »flucht« erkennbar macht) zu entlarven – die alternative dazu wäre, sich zu verrücken, also Luhmanns theorie vom radikalen als radikales zu beschreiben. Dafür gibt’s schließlich nicht weniger gute argumente wie für die gegenseite. Einer:

Wenn man wissenschaft treibt, kommt man nicht auf sicheres gelände, sondern auf unsicheres gelände.

Radikaltheoretisch läßt sich unsicherheit, unvollkommenheit, problemhaftigkeit eingestehen, denn auf das anfangsproblem wird dreist (durch ignoranz) verzichtet; um sodann andere (vermeintlich vielversprechendere) probleme sich zu erlauben. Man kompensiert die unsicherheit der anfangslosigkeit mit der hoffnung auf eine produktive endlosigkeit: probleme und unsicherheiten seien wahrscheinlich so instabil, wie lösungen und sicherheiten.

Die fundamentaltheorie verlangt enthaltung bis zum sicheren anfang (disziplin) und kompensiert diese gemeinheit durch den idiotismus einer elfenbeintürmerei. Die radikaltheorie erlaubt sich die dreistigkeit einer rechtfertigungslosen belästigung, und kompensiert dies durch radikalbelästigung (nichts wird als verunsicherungsgesichert ausgeschlossen).

Von hier aus ist die »ungeheure Mühe« zu erklären kein problem: die radikaltheorie belästigt und verunsichert nämlich radikal auch immer sich selbst. Jede produktion-publikation-reproduktions-schleife ist also zugleich versicherungs- und verunsicherungsakt. Der produktionsüberschuß ist nicht ökonomisch, sondern pedantisch; ein durch freiheit aufgebürdeter zwang: wo’s kontingent ist, wär alles möglich, damit alles fraglich und das beobachtete also nicht willkürlich, jetzt weder zu ignorieren noch die selektion von fraglichkeiten und fragbarkeiten durch den verweis auf einen autor, eine institution oder ein setting zu dirigieren.

Es bleibt ein anderes problem ständiger paradoxalität: daß Luhmann ungeheure mühe für produktion aufwendet, um ungeheure mühe nicht aufwenden zu müssen.

Warum? Oder: Warum nicht?


[1] Vgl. zur Fairness @ReisAgainst: Fairness. Über Wahrheit und Pflicht im unlogischen Sinne, stand: 14.05.2017

[2] Zur fundamentalisierung von radikaltheorien vgl. Klaus @kusanowsky: Fundamental–Radikal, stand: 14.05.2017