Dogma und Methode


Siehe für weiteren kontext auch auf Twitlonger hier und hier.


Der unterschied dogma/methode ist nicht ontologisch; jede methodik setzt ihre dogmen, und jede dogmatik initiiert methoden. Den unterschied macht die beobachtung, die blindsetzung zur ermöglichung von problemen. Die dogmatik kennt nur dogmenprobleme (dogmatik) – die methodik entdeckt methodenprobleme, bleibt aber blind für die präsupponierten dogmen (scholastik). Statt von dogmatik zur methodik, läßt sich der wechsel zur moderne dann besser als säkularisierung der dogmatik beschreiben: jetzt bekommt es dogmatik mit methoden- und methodik mit dogmenproblemen zu tun, die sodann jeweils in den anderen bereich »übersetzt« werden: Das problem der selbstbezüglichkeit des aufklärungsdogmas wird zum methodenproblem der entwicklung universalreflexiv-verfahrender methoden, deren verselbstständigung dogmatisch mit der forderung nach einer ethik zu kompensieren versucht wird, die zu konstruieren wieder moralisch nicht korrumpierte methoden gefunden werden müssen.

Der verzweiflung, keinen anfang zu finden, weil selbst der rückgriff auf methodik (wie intelligent transzendental(pragmatisch) und lebensweltlich begründet auch immer) immer schon ein dogma und jedes grundsätzlichste dogmatik immer schon methoden impliziert – dieser verzweiflung scheint zu entgehen, daß sie immer schon in gang ist und des anfangs nicht benötigt. Diese »abbruchsunfähigkeit« eines totalzirkulären verweisens gewährleistet geradezu, daß es beendigung eines homogenen wissenskomplexes, sondern ständig neue anschlußfähigkeiten gibt; und jede »schließung« von offenheiten produziert (sozusagen exponentiell) neue offenheiten, die gerade auf die schließung zur konstitution rückgreifen.

Wer fragt, wie der explosive informationszuwachs ab dem 16 jh. zu erklären ist, der wird sich nicht mit dem verweis auf die methodik zufriedenstellen lassen können; denn so wie der abgeschlossene dogmenkatalog, der nur noch fragt, mit welcher methodik er sich begründen kann, neue methoden hervorbringen, aber keine dogmenprobleme lösen kann – so kann ein abgeschlossener methodenkatalog nur neue dogmen (»erkenntnisse«) hervorbringen, methodisch aber nichts mehr leisten. Man findet mehr planeten, mehr insekten … häuft studien und umfragen an, die sich zunehmend widersprechen – aber forschung findet statt, nicht weil eine tausendste antwort auf die richtige methode gefunden, sondern weil die dogmatischen implikationen der methodenfixierung problematisiert werden können.